Abgeschoben: Vom zweiten Leben der Gebrauchtwagen

Abgeschoben: Vom zweiten Leben der Gebrauchtwagen

Allwöchentlich vermittelt das Fernsehen, dass Jahr für Jahr offenbar nicht wenige Deutsche ihre Heimat verlassen, um ein neues Leben in einem Land ihrer Träume zu beginnen. Autos, die jahrelang ein deutsches Kennzeichen trugen, haben die Wahl nicht.

Kommen sie in die Jahre, müssen sie sich gefallen lassen, irgendwohin transportiert oder verschifft zu werden. Weil sie im Allgemeinen gut gepflegt seien, könnten zehn oder 15 Jahre alte Autos etwa in Afrika durchaus noch einmal so lange gefahren werden, urteilt die Berliner Felix Automobile GmbH, ein Unternehmen, das sich auch dem weltweiten Gebrauchtwagenexport einschließlich der Verschiffung von Fahrzeugen widmet.

Hintergrund der prophezeiten hohen Lebenserwartung dürfte die trockene Wärme Afrikas sein. Man erinnert sich an Flugzeugfriedhöfe in den USA, die in ganzjährig trockenen Regionen des Landes angelegt wurden und nebenher sogar einsatzbereitem zivilem oder auch militärischem Fluggerät als Reserve-Parkplätze im Freien dienen. Einen davon gibt es in Tucson/Arizona.

Allein in Richtung Afrika verlassen Deutschland im Schnitt alljährlich rund 100.000 Gebrauchtwagen, darunter viele, die nicht fahrtüchtig sind. In der Tat scheint es kein einziges Handicap zu geben, das Aufkäufer gebrauchter Fahrzeuge schrecken könnte. Autobesitzer kennen die kleinen Werbekärtchen, die immer mal wieder unterm Scheibenwischer ihres Wagens klemmen. Selbst extrem hohe Kilometerleistungen sind kein Hindernis für den angebotenen Deal gegen Bargeld. Und Unfallfahrzeuge scheinen kaum weniger begehrt zu sein als solche mit Motor- oder Getriebeschäden. Selbst fehlende Fahrzeugpapiere sind für Profis des Geschäfts kein Grund, vom Aufkauf eines Gebrauchtwagens Abstand zu nehmen. Dass in solchem Fall der Sinn nur nach lukrativem Ausschlachten steht, ist eher zu bezweifeln.

Dem Schicksal solcher Gebrauchtwagen, die in Deutschland niemand mehr haben will, ging das Umweltbundesamt einmal nach. Erkenntnis: Autoverkäufer sähen im Export eine Möglichkeit, sich die kostspielige Verschrottung zu ersparen. Nur jeder sechste der jährlich rund drei Millionen abgemeldeten Pkws werde nicht ins Ausland abgeschoben.

Allein nach Westafrika sind 2008 rund 61.000 Gebrauchtwagen verschifft worden, die vordem in Deutschland zugelassen waren. Es waren schon einmal mehr. Auch andere europäische Länder lösen das Gebrauchtwagenproblem mit dem Export von Altfahrzeugen. Sogar die Schweiz, selbst grundsätzlich auf Autoimporte angewiesen, verabschiedete sich beispielsweise 2008 von rund 45.000 Altautos, die vor allem nach Niger, Benin, Nigeria, Angola und Togo gingen. Als osteuropäische Abnehmer von Gebrauchtwagen, die in der Schweiz abgemeldet wurden, fallen zuerst Polen, Litauen und Bulgarien auf.

Die Exportrichtungen orientieren sich deutlich am Preis. Beispielsweise basierte der Export nach Bulgarien im Jahr 2008 auf Fahrzeugen mit einem durchschnittlichen Restwert von wenig mehr als 600 Euro. Überraschendes eidgenössisches statistisches Bekenntnis: Über 7.000 Gebrauchtwagen gingen 2008 gar nach Deutschland, rund 6.000 nach Frankreich. Dabei handelte sich allerdings ausschließlich um höherwertige Fahrzeuge, deren Preis bei durchschnittlich 8.000 bzw. 5.000 Euro lag.

Deutschland verließen die meisten exportierten Gebrauchtwagen eine Zeitlang in Richtung Rumänien. Über 80.000 Einheiten waren es noch vor zwei Jahren. Doch das Interesse der Rumänen an Altautos flaut merklich ab, seitdem in ihrem Land die preisgünstigen Dacia-Modelle gebaut werden. Zu den wichtigsten Importländern zählen nach wie vor Italien, Russland, Spanien, Norwegen, Weißrussland, Bulgarien und Kasachstan. Deutlich höherwertige Gebrauchtwagen aus Deutschland finden vor allem in Italien, Spanien, Norwegen, Frankreich und Österreich Abnehmer, durchaus aber auch in Russland. Afrikanische Länder wie Benin, Niger und Nigeria reihen sich in der Importstatistik für Gebrauchtwagen aus Deutschland erst nach Bulgarien ein.

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