Hintergrund: Lettlands Autobesitzer lieben Größe und Show
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Eher selten geht der Blick zu den baltischen Staaten, wenn von der Wirtschaftskrise die Rede ist, die nicht zuletzt die Länder der Europäischen Union beutelt. Dabei spielen sich im Osten hinter den Kulissen finanzielle Tragödien ab, die offenbar noch übertreffen, was etwa Deutschland zu spüren bekommt. Beispiel Lettland. Auch Motortouristen bleibt das wirtschaftliche Dilemma weitgehend verborgen.

Beim Geldtausch beschäftigt bestenfalls, dass in Riga für einen Lats (LVL), der 1993 den lettischen Rubel ablöste, 1,50 Euro hinzugeben sind. Man macht sich seine Gedanken.

Die vermeintlich starke lettische Währung dürfte den Zahlungsverkehr zwischen Litauen, Lettland und Estland nicht unbedingt erleichtern. Die Zahlungsmittel der beiden Nachbarn hinterlassen einen weit weniger beeindruckenden Auftritt beim Einkaufen und Bezahlen. Für einen Euro gibt es derzeit etwa 3,45 litauische Litas (LTL) bzw. 15,65 Estnische Kronen (EEK).

Lettlands Lats gaukelt Stabilität vor, die längst in die Brüche gegangen scheint. Die Volkswirtschaft stehe am Abgrund, wird die Lage vor Ort eingeschätzt. Ende Oktober 2008 hat der lettische Staat die Parex Bank übernommen und sich damit auch deren Schulden in Höhe von etwa einer Milliarde LVL aufgebürdet. Der Parex-Einbruch war ein Schock für die Kunden der Bank, die private Einlagen für gut aufgehoben hielten.

Hart trifft die sich ausbreitende finanzielle Misere lettische Autobesitzer. Viele von ihnen haben sich beim Kauf eines Wagens mit der verführerischen Inanspruchnahme von Krediten reichlich übernommen. In der Tat fällt immer wieder auf, dass nicht nur in Riga – aber vor allem da – stattliche, teure Autos alles andere als eine Seltenheit sind. Sich in der Öffentlichkeit als neureich automobil zu präsentieren, ist chic.

Anteil an einem auffälligen Auftritt der Gefährte haben sogar die Zulassungsstellen. Zu einem Preis von umgerechnet mehr als 300 Euro vergeben sie Nummernschilder mit den fantasievollen Zusätzen „Kent“, „Glamour“ oder „Angel“, die vorzugsweise an Jeeps auftauchten, wie das deutschsprachige Informationsblatt „Lett-landweit“ den „zur Schau gestellten Reichtum in Lettland“ illustriert. Zitat: „Die überdurchschnittlich große Anzahl meist dunkelfarbiger rollender Wertgegenstände fällt vor allem auch auf im Vergleich zu einer mindestens ebenso vermögenden deutschen Stadt wie München oder Düsseldorf.“

Die Pleite der Parex Bank, die nach dem Urteil des Informationsblattes die Adresse für all jene war, die „nach außen hin etwas darstellen wollen“, verunsicherte nicht nur die kühnen Kreditnehmer, die ihr Auto – verglichen mit den persönlichen finanziellen Möglichkeiten – offensichtlich ein paar Nummern zu groß wählten. Erleichtertes Aufatmen gebe es dagegen bei der „vermögenden Elite Lettlands“, die gleichzeitig führende Positionen in der Politik innehabe. Sie sehe ihr bei der Parex Bank untergebrachtes Vermögen mit Staatsmitteln gerettet, kommentiert das Blatt den Vorgang mit bissigem Unterton, gleichzeitig auf „Lohnkürzungen ohne Ende“ und rapid steigende Arbeitslosigkeit verweisend.

Als Nutznießer der Situation im Lande könne sich der Tourist sehen. In Riga seien die Preise für Übernachtungen und in der Gastronomie stark gefallen. Selbst in der Altstadt bekomme man wieder ein Bier für umgerechnet 1,50 Euro. Allerdings entlassen die „Nachrichten und aktuellen Informationen über Lettland für Reisende“ mit einem deprimierenden Ausblick: „Angesichts der sehr angespannten wirtschaftlichen Lage in Lettland, einem drohenden Staatsbankrott, kann man von einem unruhigen Herbst ausgehen.“

Da war es wohl ein guter Einfall, das Land schon im Juni zu bereisen, auch wenn sich das Wetter – aus Sicht eines Motorradfahrers – nicht gerade von der freundlichen Seite zeigte. Dafür entschädigte der durchgängig moderate Benzinpreis von durchschnittlich 0,73 Lats – umgerechnet 1 Euro – pro Liter. Alles Gute kann man eben nicht auf einmal haben.

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