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Mercedes 300 SL: Wiedersehen mit einer Sandkastenliebe

Mercedes 300 SL: Wiedersehen mit einer Sandkastenliebe Bilder

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Mercedes-Benz 300 SL. Foto: Auto-Reporter Bilder

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Ich hatte ihn schon immer geliebt. Erst recht nach dem Tag unserer ersten Begegnung. Das Leben hatte gerade begonnen. Stolz trug ich meine Zuckertüte nach Hause, und da stand er am Straßenrand – glänzend, gewaltig, unwirklich fremd in dieser Umgebung, in dieser Zeit und überwältigend. Viel schöner als mein Wiking-Modell, dass ich gestern noch zum Abschied von meinen Sandkasten-Freunden mitgenommen hatte. Mein Traumauto, der Mercedes SL, der Flügeltürer. Was für ein Erlebnis, viel bedeutender als meine Zuckertüte. Mein Lebenstraum war jetzt klar: Ich wollte den SL fahren, wenn ich einmal groß bin.
Doch dann machte er sich rar, wurde zum Oldtimer, den ich ab und an einmal in einem Museum streicheln durfte. Andere fuhren ihn, und ich gab mir redlich Mühe, meine Sandkastenliebe zu vergessen. Der Mensch braucht Ziele. Träume halten einen nur davon ab, die eigenen Ziele zu verfolgen, oder?Heute nun sind wir beiden uns zum zweiten Mal so richtig begegnet. Er war in Reichweite, klassisch silbern wie der damals, die Flügeltüren offen. Vor der Fahrertür stand ein netter Mann vom Mercedes-Benz-Museum. Er reichte mir den Schlüssel. Ich darf den wirklich selbst fahren?Seine technischen Daten kenne ich immer noch aus den Quartettspielen von damals: W 198 I, eben der legendäre Mercedes 300 SL Coupé, Reihensechszylinder mit 2996 Kubikzentimeter Hubraum, 215 PS bei 5800 Umdrehungen pro Minute, Viergang-Getriebe, 1295 Kilogramm schwer und 260 Kilometer pro Stunde schnell. Damit gewann man fast jedes Quartett.Aber nach so vielen Jahren stellt sich die Sorge ein, man könne sich auseinander entwickelt haben. Zuhause in der Garage steht die gehobene, voluminöse Mittelklasse mit allen denkbaren Automatiken, Servo- und Assistenzsystemen. Hier fällt mir sofort der spindeldürre Schalthebel mit Bakalit-Knauf ins Auge, dann die vielen kleinen und runden Instrumente, die Hebelchen und Schalterchen, wie in einem alten Rennwagen oder einer alten Cessna, allerdings verschönt durch knallroten Lederbezug der Armaturentafel.Das Einsteigen über den breiten Schweller, unter den gar nicht so hoch öffnenden Flügeltüren hindurch, hinein in den für die Füße vorgesehenen engen Tunnel fällt nach den fünf Jahrzehnten seit damals auch nicht gerade leicht. Als ich auf dem nicht verstellbaren Gestühl erst einmal sitze, gewinnt aber die Vorfreude Überhand. Schau, da gibt’s einen Choke. Der erste Startversuch fällt viel zu zaghaft aus. Beim zweiten Versuch röhrt der Sechszylinder mächtig los. Er will erst einmal warm werden, bevor ich auf die Straße darf. Zwei Minuten mit 2000 Undrehungen sind gern genossene Pflicht. Sie geben mir die Zeit, noch einmal zu überlegen, ob ich das wirklich riskieren will.Doch dann gibt’s kein Halten mehr. Der Kerl will rennen, und ich darf dabei sein. Die erste Überraschung: Die Lenkkräfte, mit denen man das riesige, dünne, fast senkrecht stehende elfenbeinfarbene Lenkrad bewegen muss, fordern die Oberarme. Die Beine erleben dann die zweite Überraschung: Sind etwa die Bremsen ausgefallen? Nein, nur brauchen die vier Trommelbremsen den ganzen Mann, ohne so viel Einsatz mit der entsprechenden Verzögerung zu belohnen. Abstand halten ist angesagt. Jeder moderne Kleinwagen kann den Boliden ausbremsen.Auf einer kurzen Autobahnetappe gewöhnen wir beide uns erst einmal an einander. Mit knapp 4000 Touren und 120 Stundenkilometern brüllt mein alter Freund mir das Lied von den Rennwagen vergangener Zeiten und ihren Fahrern in die Ohren. Bis wir beide uns einmal der Höchstgeschwindigkeit nähern, wird es eine lange Zeit des gegenseitigen Abtastens brauchen. Ich bin eben doch kein Kling oder Lang. Deswegen setze ich die Tour lieber auf Landstraßen fort, euphorisch von dem immensen Krawall der Beschleunigung des Leichtgewichts. Sound statt Speed, denn die Beschleunigung ist tatsächlich schlechter als bei meiner Mittelklasse-Limousine. Weniger als acht Sekunden von null auf 100 km/h sind nicht drin, erzählt mir später ein Experte. Mein Freund ist ein Biest. Er duldet keine Fehler, dafür will er Drehzahl. Also wird die Tour zu einer Schaltorgie, was bei den langen Schaltwegen ebenfalls in Arbeit ausartet. Allmählich nehmen auch die Geschwindigkeiten zu, die ich mir mit ihm in Kurven zutraue. Aber der Respekt vor diesem alten Stück Technik lässt mich an Driften gar nicht erst denken. Außerdem beginnen seine Bremsen schon beim Anbremsen der zehnten Kurve nach links zu ziehen. Also: Kein Vollgas und sich lieber auf das Solo für sechs Posaunen konzentrieren. Das laut zu nennen, würde den Freund beleidigen.So ist das beim Wiedersehen mit Sandkastenlieben. Auch ich frage mich, was wäre gewesen, wenn…Unser Treffen wird mir im Gedächtnis bleiben; ich habe mir einen Traum erfüllen dürfen. Aber mein Freund und ich haben uns aus einander gelebt. Er ist eine Legende, und ich bin nur Journalist. Er hat sich nicht weiterentwickelt. Der Flügeltürer ist eben doch nur ein Stück Technik von gestern, wenn auch ein faszinierendes. Meine gehobene Mittelklasse daheim ist mir doch lieber als diese Schönheit.Das war ein Erlebnis. Lange stehe ich auf dem Parkplatz, kann mich nicht trennen, frage mich, ob ich das Wiking-Modell noch aufgehoben habe. Und der Herr vom Mercedes-Benz-Museum ist sichtlich froh, dass ich ihm sein Schmuckstück unversehrt zurückgebracht habe. "Adele", sagt der Schwabe angeblich, wenn er sich von etwas lieb gewonnenem verabschiedet. Man sieht sich, wahrscheinlich wieder irgendwo im Museum. (ar/Sm)

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