Kommentar

Genfer Autosalon – ein Nachruf?
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Sie war eine zähe Angelegenheit, die Absage des Genfer Autosalons, und noch in der offiziellen Pressemeldung klingt an, wie genervt die Organisatoren sind: „Die Sanktion erfolgt drei Tage vor der Eröffnung der GIMS für die Medienvertreter.” Die Sanktion? Der Schweizer Bundesrat hatte ob der Sturheit der Organisatoren die Reißleine gezogen und Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen untersagt.

Allgemeine Frustration

„Die Organisatoren akzeptieren diese Entscheidung”, heißt es nun, was auch sonst, während man nachsetzt: „Noch vor einer Woche, während der Pressekonferenzen zur Ankündigung der Ausgabe 2020, deutete nichts darauf hin, dass eine solche Maßnahme notwendig wäre.” Wie bitte? Industrie und Journalisten fragen sich spätestens seit der Absage der Mobilfunkmesse in Barcelona am 12. Februar, was denn nun die Genfer Veranstalter zu tun gedächten?

„Die Situation änderte sich mit dem Auftreten der ersten bestätigten Erkrankungen durch das Coronavirus in der Schweiz und der Verfügung des Bundesrates vom 28.02.2020”, behauptet die Messe. Und versetzt patzig: „Die Veranstaltung wird aufgrund dieses Entscheides abgesagt.” Nicht wegen des Virus. Obwohl dieser gleich um die Ecke, nämlich in Norditalien, bereits in alarmierendem Umfang wütet.

Genfer Zwiespalt

Die Autoindustrie dürfte den Vorgang zum Anlass nehmen, ihr zukünftiges Engagement in Genf grundsätzlich zu überprüfen. Ja, Genf war die schönste aller Automessen, auf neutralem Boden, mit einer besonders großen Zahl von Karossiers und Kleinserienherstellern. Hier herrschte nicht nationale Dominanz, sondern Gleichberechtigung der Marken. Und nach der Verschiebung der Detroiter Messe in den Juni markierte Genf auch den Start ins automobile Jahr, denn so kann die CES als Elektronikmesse ja im Konzert der Automessen nicht mithalten.

Soviel zum Positiven. Doch es gibt auch negative Seiten. Denn als Autoliebhaber und Messebesucher kann man sich kaum eine ungastlichere Stadt als Genf vorstellen. Einmal abgesehen von der geradezu grotesken Kriminalisierung von Geschwindigkeitsüberschreitungen in der Eidgenossenschaft: Die Genfer Hoteliers nutzen ihre Stellung gnadenlos aus und verlangen exorbitante Preise sowie teils mehrtägige Buchungen; der Verkehr ist dank „Pförtnerampeln” und konfuser Streckenführung nur als katastrophal zu bezeichnen.

Genf als Standort überhaupt noch zeitgemäß?

Auch den Ausstellern wird es schwergemacht, denn die penible Schweizer Bürokratie erschwert zum Beispiel den Einsatz werkseigener Shuttlefahrzeuge erheblich: Die könne man doch auch in der Schweiz mieten, wird einreisenden Fahrern schon mal an der Grenze beschieden. Und das Pressezentrum auf dem Palexpo-Gelände? Dort wird den arbeitenden Journalisten am (ausgesprochen zeitigen) Tagesschluss jedesmal mit minutiöser Pünktlichkeit das Licht ausgeknipst.

Szenario Geistermesse

Während sich die Veranstalter bis zum allerletzten Moment Zeit gelassen haben, hatten sich manche Aussteller schon tagelang auf ein Ausstiegsszenario vorbereitet – notfalls auch im Alleingang. Kaum Chinesen und Italiener, reihenweise Absagen von Journalisten und Managern, der Rückzug der ersten Zulieferer und wohl auch verschiedener Autohersteller hätte den heurigen Salon zur Geistermesse werden lassen. Über diese Messe hätte sich eine dunkle Wolke gelegt. Ein Fehler, nicht schon viel früher aufzugeben – oder zumindest zu verschieben. Das wird jetzt nicht mehr funktionieren.

Denn jetzt werden sehr viele Premieren virtuell ablaufen, und die Industrie wird aufmerksam beobachten, ob dieses Notformat der Berichterstattung überhaupt abträglich ist. Nur die Genfer Hotels können sich freuen: Sie sitzen auf den lukrativen Buchungsverträgen und kassieren. Vielleicht zum letzten Mal.

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