SMS beim Fahren

Verkehrsexperten warnen vor „App-Lenkung“
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Tödliches Risiko: Beim Tippen einer Nachricht auf dem Mobiltelefon während der Fahrt ist das Unfallrisiko um das 164-Fache erhöht. Dieses Ergebnis präsentieren Verkehrspsychologen beim Kolloquium des Deutschen Verkehrssicherheits-Rats (DVR) in Bonn. Laut Experten ist dann die Aufmerksamkeit dezimiert wie bei einem Blutalkoholgehalt von 1,1 Promille.

Ablenkung ist Risikofaktor Nr. 1

Dass Ablenkung im Straßenverkehr höhere Unfallrisiken birgt als zu hohe Geschwindigkeiten, ist derweil eine recht neue Erkenntnis. Erst 2006 landete der Unsicherheits-Faktor Ablenkung beim Risiko-Ranking einer österreichischen Untersuchung auf Platz 1. Und die Tendenz sei sogar noch steigend, sagt Verkehrspsychologe Dr. Gregor Bartl, Leiter der Informations-Plattform "alles-fuehrerschein.at": Von 2012 bis 2014 sei der Anteil der durch Ablenkung verursachten Unfälle noch einmal um ein paar Prozentpunkte gestiegen. Der DVR illustriert die Länge eines Blindflugs anhand eines 50 Meter langen roten Teppichs. Diese Distanz sei schon nach wenigen Fahrtsekunden überwunden. 14 Meter weit fahre ein Auto pro Sekunde beim Stadtverkehrs-Tempo 50. "Allein für das Tippen des Wortes 'okay' gehen locker zwei bis drei Sekunden drauf", sagt DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf. Doch manche Nachrichten, die während der Fahrt geschrieben werden, seien länger. Weltweit werden Nachrichten beispielsweise über das Mobilfunk-Programm "whatsapp" auch während der Fahrt gelesen oder geschrieben. Als etwa in der saudi-arabischen Stadt Abu Dhabi einmal das Mobilfunknetz zusammenbrach, seien die Unfallzahlen schlagartig um rund 50 Prozent gesunken, berichtet Ulrich Chiellino, Leiter der Interessensvertretung Verkehr des ADAC. Kaum weniger gefährlich sei die Bedienung des Navi-Gerätes während der Fahrt, das Suchen eines Radiosenders oder das Auspacken eines Sandwichs. Selbst auf Straßen mit wenig anderen Verkehrsteilnehmern kann es gefährlich sein, den Blick von der Fahrbahn abzuwenden. "Schon nach wenigen Sekunden driftet das Auto nach rechts oder links ab", sagt Prof. Dr. Vollrath, Verkehrspsychologe an der TU Braunschweig. Und es werde am Steuer dreimal häufiger getippt als telefoniert. Kuriose Erkenntnis: "Beim Telefonieren passieren weniger Auffahrunfälle als beim Fahren ganz ohne Telefon", erklärt Vollrath dem verblüfften Publikum. Der Grund: Der Blick des Fahrers sei beim Telefonieren nach vorn gerichtet, der Fahrer sei zudem in dem Moment meist besonders vorsichtig. Das sei jedoch kein Plädoyer für das Telefonieren am Steuer: "Dieses Phänomen gilt nur bei Auffahrunfällen, insgesamt gesehen ist Telefonieren eine Ablenkung, die in schwierigen Situationen das Unfallrisiko steigen lässt."
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Ist Tippen am Steuer erlaubt?

Aber ist das Tippen hinterm Volant überhaupt erlaubt? Hier sei die Rechtslage noch nicht ganz eindeutig, sagt Prof. Dr. Dieter Müller, Jurist an der Sächsischen Hochschule der Polizei. Die Beeinträchtigung durch Geräte sei jedenfalls derzeit nicht Bußgeld-relevant. Im 40 Jahre alten Unfallverursachungs-Verzeichnis der Polizei komme eine Rubrik „Schreiben einer SMS“ oder „Tippen auf einem Tablet-PC“ gar nicht vor. Der Polizist könne bestenfalls unter dem „ominösen Punkt 49“ ein Kreuzchen machen. Der Wortlaut: „Andere Fehler beim Fahrzeugführer“. Daher sei eine neue verkehrsrechtliche Normierung dringend erforderlich.

Neben der juristischen Klärung ist aber auch das praktische Training vor allem junger Verkehrsteilnehmer vonnöten. So sieht es jedenfalls Kay Schulte vom DVR. Beim Projekt „App-gelenkt“ habe der Verkehrssicherheitsrat mit jungen Leuten kreative Kampagnen und Zeitungsseiten gestaltet, bei der die Gefahr durch Ablenkung thematisiert wurde. „Wir müssen die Gefahr dramatisch verdeutlichen“, betont Schulte. Das gelinge etwa durch drastische Kurzfilme. In manchen Spots geht es makaber zu. Da lässt ein „Magier“ einen „coolen“ jungen Mann sozusagen verschwinden. In dem Film geht ein Jugendlicher über die Straße und starrt dabei auf das Display seines Smartphones. Dann kommt die Pseudo-Magie ins Spiel: „Wir lassen ihn verschwinden; gleich ist er weg.“ In dem Moment kommt ein Auto angerast und schleudert den unaufmerksamen Fußgänger von der Bildfläche. Das solle verstören und für die enorme Gefahr durch Ablenkung im Verkehr sensibilisieren.

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