Mercedes-Benz

Fahrbericht Mercedes-Benz SLR McLaren: Out of Africa

Mecedes-Benz SLR McLaren. Foto: Auto-Reporter/Mercedes
Es gibt wenige Autos, die ahnen lassen, was Kimi Raikkonen und Co beim Tritt aufs Gaspedal spüren. Der Mercedes-Benz SLR McLaren ist zwar kein Formel-1-Bolide, wird aber dort gebaut, wo auch Kimi schneidern läßt: bei McLaren im englischen Woking. Das V-8-Herz schlägt auf Schwäbisch. 626 PS stark. Wir haben in Südafrika den Puls gefühlt.
Mein Gott: Wir haben sie doch schon alle heruntergebetet, die Superlative der Autotester. Vom abgegriffenen ;Antritt eines Jumbo-Jets bis zum euphorisierten ;Ritt auf der Kanonenkugel. Keine dieser automobilen Glorifizierungen wird diesem Auto gerecht. Es bleiben verbale Prothesen, die nicht ausreichen, das Gefühl zu beschreiben, im SLR für ein paar Sekunden die Drosselklappen im Ansaugtrakt des Kompressormotors von heißem Röcheln auf aggressives Brüllen umzuschalten. Da wäre nichts banaler, als platt von Gas geben zu reden. Es ist nicht meine Art, die Sprache der Gosse zu bemühen, um Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Aber diesmal pfeif ich auf jede literarische Ethik. Im Klartext der sympathisch einfach, aber klar denkenden
Menschen: Erst jetzt habe ich wirklich verstanden, was es heißt, einmal hemmungslos die Sau raus zu lassen.
Sorry, diese verbale Entgleisung musste sein.
Es fällt schwer, mich angesichts der Power des SLR sprachlich zu bremsen. Nennen wir das zügige Anfahren in diesem Traumwagen ganz schlicht die Mutter aller Beschleunigungsorgien. Das kommt der Sache dann doch recht nahe. Mehr geht fast nicht. Was dann kommen würde, ist der Abschuß eines Formel-1-Boliden, nachdem die berühmte Ampel den Start freigegeben hat. Und selbst wer schon mal in einem Auto erstmals den Kick empfunden hat, in fünfeinhalb Sekunden auf 100 zu rasen, ist weit davon entfernt, dem wahren Erlebnis im SLR nahe gekommen zu sein. Im Vergleich dazu durchstößt du im SLR die Schallmauer.
Und selbst diese Werte sind relativ: In 3,8 Sekunden auf 100 geschossen zu werden, ist als gefühlte Physik viel mehr als die Zahlen ausdrücken. Denn es ist nicht der Antritt allein, der sich mathematisch vermessen läßt, sondern die Art und Weise, wie dieser in Kohlefaser gebackene Super-Sportwagen dem Horizont zustrebt. Wenn Beschleunigung sonst einen Anfang und ein Ende hat, dehnt sich dieser Vorgang hier ins Unendliche. Was uns Albert Einstein in seiner Relativitäts-Theorie nahebringen wollte, eröffnet sich hier sehr
realistisch: Alles ist eben relativ. Selbst Einstein. Denn wenn sich im SLR 780 Newtonmeter Drehmoment auf den Weg zu den Hinterrädern machen, dann verschmelzen Zeit und Raum. Es ist der Hammer. Das unglaublich schöne, maskulin geformte Karbonfaserteil mit der Nasen-Ästhetik eines McLaren-Formel-1-Boliden beschleunigt, beschleunigt in nimmer enden wollendem Exzess. Als Experiment für öffentliche Straßen nicht geeignet, denn wer wirklich wartet, bis dieser Vorwärtsdrang aufhört, ist im Mercedes SLR dann 334 Stundenkilometer schnell. Damit unterfliegst du spielend jede Radarkontrolle. Der Aufenthalt im unkontrollierten Luftraum wird zum Gravitationsfeld sinnlicher Wahrnehmung. Es macht einfach und schlicht Spaß, dieses fahrdynamisch so ausgewogene Sport-Gerät zu bewegen.
Wir haben bei unserer Testfahrt in Südafrika seine Grenzen natürlich nicht ausgelotet. Aber selbst ohne Grenzerfahrung ist das Potential des Mercedes-Benz SLR McLaren ständig präsent. Du spürst die Kraft des von AMG im schwäbischen Affalterbach gewissermaßen handverschraubten V8-Kompressor-Treibsatzes selbst dann, wenn er keinen Laut von sich gibt. Wenn du dich durch die Öffnung mit den nach oben schwingenden Türken eingefädelt hast ins luxuriöse Ambiente dieses Super-Sportwagens, dann spürst du die Kraft einer ganz besonderen Ausstrahlung. Noch bevor du auf dem Wählhebel der Automatik die kleine Abdeckung gelupft hast, um den Knopf für den Anlasser zu drücken. Geschieht dies, reißen alle Menschen im Umkreis von 200 Metern unvermittelt die Köpfe herum, weil der schon im Leerlauf aus megageilen Sidepipes-Auspuffrohren entweichende Sound klingt, als hätte ihn der berühmte Mercedes-Ingenieur Rudolf Uhlenhaut daselbst auf Brutalo-Akustik abgestimmt. Nein, nein, keine Sorge. Alles ist TÜV-abgenommen, und das 300-SLR-Coupé aus den fünfziger Jahren klang deutlich lauter, als es von Rennfahrer-Legenden wie Juan Manuel Fangio, Stirling Moss, Graf Berge von Trips, Karl Kling und Hans Hermann über unglaublich schlechte Rennstrecken von Sieg zu Sieg geprügelt wurde.
AMG-Triebwerke haben eine ganz eigene Akustik. Der V8 im SLR klingt tief und satt, geht dann in ein brüllendes Crescendo über, dessen klare Transparenz von einer Art Singen des Kompressors überlagert wird. Das Arrangement ist zwar bisweilen laut, klingt aber eindeutig nach Genuß. Dass du die Schnelligkeit der Schaltvorgänge der Automatik auch noch individuell von sanft bis racingtauglich vorwählen kannst, ist ein Detail mehr, das diesen schwäbischen McLaren mit dem Mercedes-Stern zum absolut alltagstauglichen Rennsportwagen macht, mit dem auch die Frau eines Besserverdienenden zum Shopping fahren kann. So richtig Freude kommt aber erst auf, den SLR auf längeren Strecken zu genießen. Bei unserer 500-km-Testfahrt rund um Kapstadt konnte der Grand Tourismo seine Stärken voll ausspielen. Die steife Karosserie aus Kohlefaser, ein Fahrwerk zum Niederknien, eine sehr angenehm direkte Lenkung und das Potential einer Hochleistungsbremsanlage bieten jede Menge Reserven. Ausgestattet mit allen elektronischen Sicherheitsextras wie ESP, SBC, Airbags vorne, vor den Knien und in den Türen, Keramik-Bremsscheiben, den Stau- und Anfahrassistenten, der selbst Autobahnverdichtungen erträglich gestaltet, hat dieses deutsch-britische Gemeinschaftsprojekt von Mercedes und McLaren nichts von einer primitiven Rennmaschine – außer vielleicht ihre Leistungsfähigkeit.
Technische Daten
Mercedes-Benz SLR McLaren
Motor: V8-Zylinder mit Kompressoraufladung
Hubraum: 5439 Kubikzentimeter
Leistung: 460 kW/626 PS bei 6500/min
max Drehmoment: 780 Newtonmeter bei 3250-5000/min
Getriebe: 5-Gang-Automatik
Reifen: vorne 245/40 ZR 18, hinten 295/35 ZR 18
Gewicht fahrfertig: 1768 kg
0 – 100 km/h: 3,8 Sekunden
V-max: 334 km/h
Verbrauch NEFZ gesamt: 14,5 l/100 km
Preis: 435 000 Euro
Von Von Peter Groschupf
5. Januar 2004. Quelle: Auto-Reporter

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