Oldtimer-Rallyes – Trau, schau, wem!
Oldtimer-Rallyes - Trau, schau, wem! Bilder

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Dieser Wagen startet in der Sanduhrwertung Bilder

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An Bord sind nur wenige Hilfsmittel erlaubt Bilder

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Bei Oldtimer-Rallyes wird gerne mal geschummelt Bilder

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Silvretta Classic, Bodensee-Klassik, Kitzbüheler Alpenrallye, Sachsen Classic, Hamburg-Berlin-Klassik, Gran Premio Nuvolari und als Krönung die Mille Miglia: Bei zahlreichen Oldtimer-Rallyes messen sich über hunderte von Kilometern meist ältere Herren in weißen Overalls à la Bentley-Boys der 1920er-Jahren oder alternativ in großkarierten und vielfarbigen Sakkos.

Beim Motorsport für echte Gentlemen geht es nicht um Sekunden oder Zehntelsekunden, hier geht es um Abweichungen von Hundertstelsekunden. Und je weniger davon innerhalb von drei Rallye-Tagen gesammelt werden, desto besser. Dann winken neben der Ehre für die Sieger, mächtige Pokale, hochwertige Sachpreise und viel Applaus von der neidischen Konkurrenz.

Aber geht es bei diesen Ehrenmännern mit ihrem extrem ausgeprägten Ego auch immer mit rechten Dingen zu? Wohl kaum, denn hier soll ja allen gezeigt werden, wer dieses Metier am besten beherrscht, wer die größte Präzision bei den Wertungsprüfungen über Schläuche und durch Lichtschranken beweist. Und das am besten noch mit seltenen Fahrzeugen aus der Vorkriegszeit, die für viele Millionen Euro bei Auktionen erworben wurden. Bentley 4 ½ Litre Open Tourer, Aston Martin 1 ½ Litre Ulster, Riley TT Sprite, Lagonda M45R und der deutsche Klassiker 300 SL Flügeltürer sind da die wertvollsten und auch die am schwierigsten zu fahrenden Oldtimer. Ein Jaguar E-Type aus den 1970er-Jahren ist dagegen schon ein fast zeitgemäß zu lenkender Bolide.

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Bei so viel Ehre und bei so attraktiven Preisen, wie beispielsweise wertvollen Armbanduhren, werden selbst die zahlreichen großen Namen unter den Teilnehmern schwach. Bekannte Manager und Besitzer namhafter Firmen, Multimillionäre und sogar Milliardäre fangen dann auch schon mal an zu schummeln – so wie kleine Kinder beim Topfschlagen. Da sind die feinen Herren dann so ehrlich, wie sie es schon vom Golfplatz gewohnt sind, wo aus fünf benötigten Schlägen schnell mal vier werden, oder – wenn der Mitspieler kurz mal nicht schaut – der Golfball mit dem Leder-Wedge, also dem Golfschuh, „bessergelegt“ wird.

Aber wie kann man sich bei der teils verbissenen Hatz auf die Hundertstelsekündchen denn überhaupt einen Vorteil verschaffen? Nun, da ist zum einen ja die Sanduhrklasse, die Königsdisziplin bei Oldtimer-Rallyes. Hier darf man nur mit mechanischen Stoppuhren und analogen Wegstreckenzählern arbeiten. Das ist sehr anspruchsvoll und nicht ganz so exakt, da diese Zeitmesser im Vergleich zu elektronischen Uhren eher grobschlächtig ticken. Das ist nicht jedermanns Sache, denn 0,00 bis 0,09 Sekunden Abweichung, also unter einer Zehntelsekunde zu bleiben, ist mit digitalen Stoppuhren oder einer Rallye-App auf dem iPhone deutlich einfacher zu erledigen.

Das Reglement ist diesbezüglich zu recht knallhart und auch in zahlreichen Paragrafen niedergeschrieben, aber das stört den einen oder anderen ehrenwerten Teilnehmer nicht wirklich, denn man will ja gewinnen, auch auf Kosten der Ehrlichkeit. Wörtlich heißt es zum Beispiel in einem Regelwerk einer bedeutenden Rallye: „Teams, die ausschließlich mechanische Geräte (ohne Batterien, also auch keine Handys oder Smartphones) als Stoppuhren oder Wegstreckenzähler verwenden und keine elektrischen Uhren, Rallye-Computer oder Wegstreckenzähler mitführen, können für die Sanduhrklasse nennen. Der Verstoß gegen die Regeln der Sanduhrklasse wird lt. Art. 9.1 mit 2.000 Strafpunkten und Ausschluss aus der Sanduhrwertung geahndet.“ So weit, so gut, denn 2.000 Strafpunkte sind sehr schmerzhaft, katapultieren einen erwischten Schummler schnell mal von einem Platz auf dem Treppchen zurück auf Platz 100.

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Damit auch die zahlreichen Zuschauer und weisungsberechtigten Streckenposten am Straßenrand sehen, wer sich denn das Fahren in der Sanduhrklasse mit dem mehrere hundert Seiten dicken Roadbook zutraut, bekommen die Teilnehmer einen großen, runden, orangefarbenen Aufkleber mit dem Sanduhr-Symbol auf die Windschutzscheibe geklebt. Und obwohl jetzt jeder erkennen kann, das in den markierten Fahrzeugen nur mechanische Instrumente mitgeführt werden dürfen, zücken die edlen Herren mehr oder weniger unauffällig während der Fahrt und vor allem während der Wertungsprüfungen ihre Handys, Taschenrechner und Bordcomputer.

Jüngst gab es bei einer solchen historischen Rallye durch die Alpen einen besonders dreisten Teilnehmer in der Sanduhrwertung, der in seinem millionenschweren Vorkriegsfahrzeug einen elektronischen Wegstreckenzähler mit vielen Funktionen, wie auch Durchschnittsgeschwindigkeit, ähnlich einem Fahrradcomputer, verbaut hat.

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Wurde das prominente Team dafür bestraft? Mitnichten. Und dies, obwohl sogar die Rallye-Organisationsleitung von den illegalen Hilfsmitteln wusste. So wurden mal eben ganz locker und äußerst ehrenvoll die Sanduhrklasse und die Klassenwertung für Fahrzeuge von 1931 bis 1946 gewonnen. Neben wertvollen Sachpreisen gab es für die Schummler auch noch einen dritten Platz im Gesamtklassement. Mit dieser haarsträubenden Entscheidung der Rallyeleitung wurden viele ehrliche Oldtimer-Fahrer um Pokale und Sachpreise betrogen. Das Entsetzen und die Enttäuschung im Fahrerlager waren erheblich, zumal jeder Teilnehmer ja einen Startpreis von 1.850 Euro berappen musste. Anreise und Unterkunft gehen natürlich extra.

Gern tricksen die Ehrenmänner auch beim Baujahr, aber anderes als bei den begleitenden Damen, wird hier das Alter nach oben geschummelt. Denn wenn zwei Fahrzeuge in einer Wertungsprüfung die identische Abweichung haben, gewinnt das ältere Fahrzeug.

Eine dritte Trickserei betrifft das Fahrzeug selbst. Zwar sollte bei diesen Oldtimer-Meetings eigentlich alles original sein, also im Zweifel auch mal über den Zeitraum von 100 Jahren und mehr, aber immer häufiger mischen sich Replikas unter die wertvollen Raritäten. Diese Nachbauten werden zwar zum Teil äußerst aufwendig aufgebaut, sehen auch verdammt gut aus, sind aber nun mal Fakes und somit alles andere als original. Das fängt bei modernen Motoren unter historischen Karossen an und endet mit Komplettumbauten nach alten Vorbildern. Eine Schwemme von besonders gutaussehenden Jaguar C- und D-Types ist derzeit zum Beispiel äußerst auffällig, von diesen Rennversionen wurden ja gerade mal 54 bzw. 87 Stück gebaut. Und diese echten Schmuckstücke werden von ihren Eignern nur sehr selten aus den klimatisierten Garagen geholt, sie haben schließlich einen Wert von drei bis fünf Millionen Euro. Auch ein Mercedes-Benz 300 SLS aus dem Jahr 1957 taucht immer wieder mal, sehr erfolgreich, bei Oldtimer-Rallyes auf, ist aber nichts weiter, als ein Look-a-like. Von diesen wurden nämlich nur zwei Stück für den amerikanischen Rennfahrer Paul O´Shea gebaut, wovon nur noch einer existiert und der steht im Museum, versichert für über 25 Millionen Euro.

Fazit: Bei Oldtimer-Rallyes treffen sich Menschen, die es gewohnt sind, sich im Beruf mit aller Kraft durchzusetzen. Diese Eigenschaft scheint man am Wochenende nicht einfach ablegen zu können. „Trau, schau, wem!“, heißt es also offensichtlich auch in den edlen Kreisen der selbsternannten Ehrenmänner.

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