Citroen

Rudi Mentär: 25 Jahre unter dem Doppelwinkel
Rudi Mentär: 25 Jahre unter dem Doppelwinkel Bilder

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Mein erster Citroën, jedenfalls mein erster käuflich erworbener Citroën, war um 1985 herum ein ergreifend schlichter mausgrauer AX Zweitürer, der mich mindestens drei Jahre lang geärgert hat, obwohl er über 100 000 Kilometer weit lief wie ein Uhrwerk und keinerlei Reparaturkosten verursachte.

Die Schuld an meinem Ärger trug, sagen wir mal, zu 50 Prozent das Haus Citroën und zu 50 Prozent ich selbst. Citroën war schuld, weil die Presseabteilung in Porz gerade keinen viertürigen AX zum Verkauf an mehr oder weniger verdiente Motor-journalisten zur Verfügung hatte, und ich, weil ich den zweitürigen Stadtflitzer trotz-dem kaufte. Es war und blieb der einzige Zweitürer eines langen Autofahrerlebens, abgesehen von einem zweisitzigen Renault-Cabrio in den 1960er Jahren mit dem preisverdächtig schönen Namen Floride. Wäre dieser Name damals jemandem bei Citroën eingefallen – er hätte die Entlassung riskiert.

Meinen Fehler büßte ich bis 1989 über mehr als 100 000 Kilometer mit der täglich mehrfachen demütigenden Körperübung, die die Autoindustrie für ihre Kundschaft bereithält: Das Fummeln mit der linken Hand unten nach dem meistens verdreht weit hinten baumelnden Gurt, um ihn dann mit der rechten Hand möglichst ohne Verschlingung über die linke Schulter an die rechte Hüfte zu ziehen, wo sich nur mit Glück auf Anhieb der Punkt finden läßt, an dem der Gurt endlich Halt findet.

Die Not fand ein Ende, als ich irgendwann im Jahr 89 auf dem Betriebshof des Schustergesellen, Maurermeisters und Kraftfahrzeugmeisters Tschirley in Langenhagen bei Hannover einlief, eigentlich nur eines Inspektionstermins wegen. Meister Tschirley kam mir entgegen und ich ihm – vielmehr wollte ich ihm entgegenkommen, blieb aber mit dem linken Fuß in dem mittlerweile ausgeleierten Gurt hängen und fiel folglich Meister Tschirley um den Hals. Ein gütiges Geschick bewahrte mich davor, sein an sich wohl sehenswertes Grinsen sehen zu müssen.

Der Kraftfahrzeugmeister, Maurermeister und Schustergeselle – entsprechende Ur-kunden zierten seinen Bürozugang – ergriff die Gunst des Augenblicks und stellte mir eine Art AX de luxe vor, viertürig, knallrot glänzend und mit einem Dieselmotor bestückt. „Den haben wir gerade als Vorführwagen zugelassen. Wollen Sie ihn mal ein paar Tage fahren?“ Ich befand mich in einem mentalen Zustand, in dem ich nur wollen konnte.

Hinsichtlich der Gurtfummelei genoss ich die Bequemlichkeit des fummelfreien Anschnallens mit der rechten Hand. Ansonsten kann ich weder Positives noch Negatives über den AX Diesel berichten. Daran ist die DDR schuld. Die kam so plötzlich über uns, dass der bundesrepublikanische Gebrauchtwagenmarkt in wenigen Wochen leergefegt war.

Die DDR stand plötzlich vor mir in Gestalt eines Kombi-Gebrauchtwagens aus west-deutscher Produktion mitten auf einem BRD-Autobahnkreuz mit verschlungenen Fahrbahnen. Dessen Fahrer hatte mit dem gerade erworbenen Kombi auf der Heimfahrt nach Leipzig und schlechter Sicht bei strömendem Regen die Orientierung verloren – ein Zustand, der sich in seiner Lage bei der ersten Fernfahrt im Westen wohl mit einer Art Zwangsläufigkeit ergeben hatte und ihm nicht zu verübeln war. Mein Pech war, dass der Kombi mit einer Anhängekupplung ausgerüstet war. Die Kupplung geriet in leichten Kontakt mit dem Kühler meines AX. Der Kontakt war so sanft, dass ich ihn gar nicht als solchen realisierte – im Gegensatz zu meinem Kühler. Folglich gab der Dieselmotor wenig später seinen Dienst auf.

Meister Tschirley, telefonisch von der Katastrophe unterrichtet, ließ meinen AX ab-schleppen und mich gleich mit, erkannte und ergriff die Gunst des Augenblicks mit dem Ergebnis, dass ich mit einem nagelneuen ZX Turbodiesel, viertürig, grün und mit Bestausstattung, von seinem Hof fuhr. Es war mein dritter eigener Citroën. Ich habe ihn von Anfang an geliebt seiner Handlichkeit, Bequemlichkeit und Anspruchslosigkeit wegen, obwohl er sich mit einem Attentat auf Leib und Leben bei mir einführte.

Das lag an der Gewohnheit der französischen Autohersteller, ihre Kundschaft an der Entwicklungsarbeit neuer Fahrzeuge zu beteiligen. Ich leistete meinen Anteil an dieser Ehrenaufgabe auf der Auffahrt zur A 2 in Hannover Nord in einer mit ma-ximal möglichem Tempo durchfahrenen Rechtsschleife. Gegen Ende der Schleife blockierte plötzlich und unerwartet die Antriebsachse. Ein Ruck ging durch den Wa-gen, riss mir das Lenkrad aus der Hand, hob den Wagen komplett von der Fahrbahn ab und versetzte ihn einige Meter nach links in die Botanik, die dort glücklicherweise nur aus Gras und niederem Gebüsch bestand. Wagen und Fahrer waren völlig unbeschädigt.

Der Grund für die Blockade der Vorderachse konnte nur mangelhafte Dieselölzufuhr zum Motor sein. Nach der Kraftstoffanzeige musste allerdings noch eine ansehnliche Restmenge im Tank sein. Das war auch der Fall – nach einigen Startversuchen zeigte der Turbodieselmotor mit seinen 90 PS erst stotternd Lebens-zeichen, aber bald lief er wieder rund. Ich fuhr nach dort, wo ich eine halbe Stunde zuvor abgefahren war: Auf Meister Tschirleys Betriebshof. Der Schuster, Maurer- und Kfz.-Meister kam mir schon entgegen: „Ja, ja, ich kann mir denken, warum sie wieder hier sind. Es ist der Tank. Ich sehe doch an den Grasbüscheln an der Stoßstange, wo Sie gewesen sind. Sie bekommen selbstverständlich einen anderen Tank. Nehmen Sie für ein paar Tage einen meiner Vorführwagen.“

Zwei Tage später fand ich einen Brief von Citroën Deutschland in meiner Post, den ich denn doch erstaunlich fand: Ich wurde freundlich gebeten, eine Citroën-Werkstatt aufzusuchen zwecks kostenfreien Austauschs meines Kraftstofftanks gegen ein tech-nisch optimiertes Exemplar.

Der Grund für den Fehler war denkbar einfach: Wenn der Tank nur noch zu einem Viertel oder weniger gefüllt war, sammelte sich das Dieselöl in schnell gefahrenen längeren Rechtskurven links im Tank. Die Kraftstoffleitung zum Motor schluckte Luft und ließ die Maschine verhungern. Der Tankaustausch blieb denn auch die einzige Nachbesserung am meinem ZX.

Ein Bauteil, das ich vom ZX wie auch den kleineren Citroëns in bester Erinnerung habe, sind die von der Scheibenmitte aus arbeitenden Einarmscheibenwischer, wie sie auch Daimler-Benz längere Zeit bei der C-Reihe verwendete. Sie bringen gegenüber den Doppelarmwischern in jeder Beziehung die bessere Wischleistung. Leider lassen sie sich nur bis zu einer bestimmten Scheibenbreite einsetzen.

Mein ZX hatte längst eine Laufleistung von über 100 000 km hinter sich, als sich mein jüngster Sohn den Wagen für eine eilige Fahrt von Hannover nach Saarbrük-ken auslieh, weil ihm sein Studentenauto, ein Peugeot 205 mit Saugdiesel, mit seiner gemächlichen Fortbewegungsweise auf einer Fernfahrt zu langsam war. Aus diesem Grund glückte es meinem Sohn, einen kurz vor Saarbrücken mitten in der Nacht und noch dazu mitten auf der Autobahnfahrbahn auf dem Dach liegenden Ford in kreiselnde Bewegung zu versetzen, bei dieser Gelegenheit den kopfunter festgeklemmten Ford-Fahrer aus dieser misslichen Lage zu befreien und sich plus ZX mit einem doppelten Salto von der Autobahn zu verabschieden. Damit waren beide Fahrzeuge Schrott. Ernsthaft verletzt war seltsamerweise weder mein Sohn noch der beim Fahren eingeschlafene Ford-Fahrer, dessen Versicherung für meinen Totalschaden aufkommen musste.

Dass mein ZX doch noch einen gewissen Wert hatte, erfuhr ich einige Tage später durch den Anruf des neuen Besitzers des Motors aus Polen. „Du mir sagen Num-mer von Deine Motor“, bat er. Der Motor war durch eine damals von Citroën verwendete Code-Nummer gesichert, ohne deren Kenntnis die Maschine praktisch wertlos war. Diese Art Diebstahlsicherung hat sich leider nicht durchgesetzt, weil sie bei der Verwendung der Wagen mit wechselnden Fahrern zu hinderlich war. Ich sagte dem Polen die Code-Nummer. Die versprochene Gegenleistung in Gestalt einer Flasche Wodka ging wohl auf dem Postweg verloren.

Meister Tschirley rüstete mich mitfühlend mit einem ebenfalls grünen Wagen aus – einem Xantia Benziner mit 1,8 Litern Hubraum. Die Maschine bewegte das nicht eben leichte Fahrzeug auf bergigen und kurvenreichen Strecken nur mit viel Schaltarbeit einigermaßen zufriedenstellend, was sicher ein Grund dafür war, dass sich der Xantia bald den Ruf eines Alte-Herren-Wagens einhandelte. Ich fuhr meinen grünen Xantia drei Jahre und rund 100 000 Kilometer weit ohne andere Probleme als den des gemächlichen Vortriebs.

Den Jahrtausendwechsel feierte ich mit dem Kauf eines roten Xantia mit Turbodie-selmotor und Bestausstattung, der seine 110 PS manierlich auf die Fahrbahn bringt und auch in puncto Fahrkomfort bis heute noch als Vorbild für manch anderes Fahrzeug seiner Klasse gelten kann. Der erste Schaden trat trotzdem schon nach wenigen Tagen auf. Ich hatte den Xantia über Nacht auf einem freien Parkplatz in Minden vor der Wohnung meines Sohnes unter einer alten Eiche geparkt und die weißen Kleckse auf dem Parkraum nicht gesehen oder nicht beachtet. Am nächsten Morgen wurde mir klar, warum ich einen freien Parkplatz gefunden hatte: Ich hatte unter der Wohnung eines Kauzes geparkt. Die weißen Flecke auf dem Xantia-Dach widersetzten sich allen Reinigungsversuchen und haben im Laufe der Jahre und 200 000 Kilometern auf dem Tacho so viel Schadenfreude im Bekanntenkreis ausgelöst, dass der Kauz ein Dankeschön verdient.

Mein grüner Xantia Benziner fand einen neuen Besitzer im Bekanntenkreis, wo er mit nicht mehr feststellbarer Kilometerleistung noch immer unterwegs ist. Doch diese Trennung vom Benziner war nur vorübergehend. Alsbald stand wieder ein Xantia Benziner aus demselben Produktionsjahr vor der Tür, diesmal ein blauer. Er hatte sich im Erbwege angefunden. Der „Blaue“ wanderte schließlich nach Österreich ab – in den Besitz meines älteren, vor etlichen Jahren nach Salzburg abgewanderten Sohnes und hat mittlerweile eine Kilometerleistung von 210 000 erreicht, ist zuverlässig, anspruchslos und ansehnlich und bestätigt die Erfahrung, die so mancher Fahrer betagter Xantias macht: Geringer Verkaufswert, aber hoher Gebrauchswert.

Das trifft übrigens auch für den Saxo Benziner zu, den sich meine Frau im Jahr 2003 gekauft und mittlerweile 130 000 Kilometer weit bewegt hat – überwiegend im Betreuungsdienst an den über Europa verstreuten Enkeln. Sie hat sich lediglich das Misseschick erlaubt, am Steuer meines Xantia ihren Saxo mit meinem Sohn am Steuer um etliche Zentimeter zu verkürzen. Der Xantia hat sich einmal geschüttelt und brauchte einen neuen Scheinwerfer, der Saxo war faktisch ein Totalschaden. Die Allianz allerdings als Versicherer beider Fahrzeuge entschied, den Saxo in einer Spezialwerkstatt ihrer Wahl aufwendig richten zu lassen. Das Ergebnis war tatsächlich erstklassige deutsche Handwerksarbeit.

Bleibt nachzutragen, dass irgendwo im Hause Citroën ein Trottel sitzt, der dem Xantia Turbodiesel den ersten Treibriemenwechsel bei 140 000 Kilometern Laufleistung verordnet hat. Dieser erste Treibriemenwechsel trat meinem Xantia allerdings schon bei 120 000 Kilometern auf, witzigerweise exakt während der bei 120 000 km vorgeschriebenen Inspektion in einer Citroën-Werkstatt durch einen Treibriemenriss mit entsprechendem Motorschaden. Dessen Kosten trug das Haus Citroën ungern, aber wegen des hauseigenen Trottels gezwungenermaßen in vollem Umfang.

Die Riemenmontage gelang dem Monteur nicht recht: Nach weiteren 40 000 Kilometern verwandelten sich die Riemen in ein Geschlinge, das sich in Fetzen auflöste. Die wieder notwendige Motorreparatur erledigte diesmal eine kleine Werkstatt im tiefsten Odenwald in einem winzigen Dörfchen mit dem schönen Namen Hoxhohl ausgesprochen preiswert. Deren Chef war diese Arbeit offensichtlich peinlich – eine Erscheinung, die ich in 25 Jahren unter dem roten Doppelwinkel bei kleinen Handwerksbetrieben in ähnlich gelagerten Fällen wiederholt erlebte.

Zum Beispiel auch, als sich an meinem Xantia Diesel die Scheibe meiner Fahrertür an einem Spätnachmittag auf der A 7 bei Kassel in Fahrtrichtung Süd nicht mehr anheben ließ. Als ich die telefonisch verständigte Citroën-Werkstatt bei Bad Hersfeld zwei Stunden nach Geschäftsschluss erreichte, saß dort ein Monteur mit einem Holzklotz in der Hand auf einer Bank vor der Tür. Mit geübten Handgriffen in der Türmechanik arretierte er die Scheibe im Rahmen und meinte sehr richtig, damit käme ich erst mal nach Hause. Mehr als ein sehr bescheidenes Trinkgeld wollte er nicht annehmen. Mit solchen Entgegenkommen ist bei Großstadt-Werkstätten nicht zu rechnen. Aber das ist bei fast allen anderen Fabrikaten auch nicht anders.

Mittlerweile steht mein Xantia Diesel in der Garage und wartet auf Wiederinbetrieb-nahme. Ich hatte ihn vor Monaten abgemeldet, nachdem ein freundlicher Nachbar sich den Wagen mit seinen Lackkratzern an allen vier Ecken nachdenklich angese-hen hatte und mir das Ergebnis seiner Inspektion mit der Feststellung mitteilte: „Du sieht nicht mehr, wo dein Auto zu Ende ist.“ Recht hatte er. Inzwischen sind die Au-gen „gelasert“ und gewöhnen sich daran, wie anders doch die Welt jetzt aussieht.

Einen Rat hätte ich noch für Fahrer alter Xantia Diesel: Im Familienfuhrpark hatten wir vor Jahren einen solchen in Kombiausführung. Als der Wagen bei Tachostand nahe 300 000 km verkauft werden sollte, mühte sich eine Citroën-Werkstatt um ma-nierliches Aussehen des Motorraumes. Das war tödlich für den Wagen. Nichts kon-serviert einen solchen Motor besser als ordinärer Dreck. Kratzt man ihn ab, setzt der Turbolader seine Hitze ungehindert frei und alles ringsum nicht Brennbare doch in Brand. So schlagen dann urplötzlich meterhohe Flammen aus den Schlitzen vor der Windschutzscheibe. Den Insassen bleibt nur die Flucht in Sekundenschnelle.

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Gast auto.de

Dezember 10, 2010 um 11:53 am Uhr

I’m glad you said that?

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